Am Gründonnerstag feierte Johannes Brahms «Deutsches Requiem» in der Kreuzkirche eine Aufführung, die das Publikum zu stehenden Ovationen bewegte. Unter der Leitung von Felicitas Gadient sang der Kammerchor Wil.
Johannes Brahms hätte die Strafen des ewigen Höllenfeuers so gewaltig komponieren können, wie kaum ein anderer Komponist. Doch als Protestant stand er den traditionellen Lehren kritisch gegenüber und stellte sich die Textvorlage seines Requiems aus Bibelstellen selbst zusammen. Seinen betrachtenden Reflexionen über den Tod stellte er Trost gegenüber, eingebettet in Momente von Ruhe, Geduld und Zuversicht. Damit stellt Brahms die Bedürfnisse des Menschen in Zeiten von Abschied und Schmerz in den Vordergrund, nimmt diesen Verzweifelten sacht an die Hand und führt ihn durch seine Trauer, anstatt ihn zu einem demütig-gefügigen Liturgie-Statisten zu degradieren, der in seiner Kirchenbank immer kleiner wird.
Spannung trotz ruhigem Tempo
Diese Grundhaltung war in der Wiler Aufführung von Dirigentin Felicitas Gadient konsequent und feinfühlig herausgearbeitet worden, ohne in Sentimentalität abzugleiten. Im Vergleich zu heutigen Einspielungen des Werkes hatte die Dirigentin ein ruhiges Tempo gewählt, ohne je den Kontakt zur Spannung zu verlieren. So konnte man regelrecht wohlig in den tröstenden Zusprüchen baden: «Selig sind, die da Leid tragen». Eine Aussage, die Zynismus hervorrufen könnte, durch Brahms? Komposition und die Interpretation durch den Kammerchor Wil und das Musikkollegium Winterthur jedoch fassbar wurde.
Das von grosser Tiefe geprägte Eingangsspiel gelang äusserst transparent, in sich ruhend setzte der Chor sein «Selig sind» darüber. Die sehr gepflegte Artikulation trug ebenfalls zu dem schwerelosen Charakter bei, keine Ecken und Kanten stachen heraus. Diese «aus einem Guss»-Natur setzte sich durch die ganze Aufführung fort: Kein dramatisches Fortissimo wirkte aufdringlich, kein unversehens einbrechendes Piano sackte ab, und das bei einer durchgehenden Chorpräsenz über siebzig Minuten.
Grosse Kontraste ausmusiziert
Der Totenmarsch des zweiten Satzes wurde ebenfalls relativ langsam musiziert, was ihm eine würdevolle, gemessene Ausstrahlung gab. Mächtige Pauken untermalten den wütenden Kummer des «Denn alles Fleisch, es ist wie Gras». Wunderbar dagegen abgesetzt das «So seid nun geduldig», einen Hauch von heiterer Gelassenheit ausstrahlend. Solch grosse Kontraste von einem Laienchor derart sorgfältig, präsent und sicher ausmusiziert zu hören, ist ein kleines Wunder.
Sympathische Bescheidenheit
Bariton Peter Brechbühler strahlte in seinem «Herr, lehre doch mich» eine sympathische Bescheidenheit aus, die sich auch im sechsten Satz fortsetzte, als er die letzte Posaune ankündigte und der Chor in einem grossen Triumph den Tod fragt: «Wo ist Dein Sieg?». Barbara Böhis Sopran war anfangs gegenüber dem mächtigen Orchesterklang, der generell ein klein wenig dominierte, nicht leicht zu vernehmen, doch es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie nicht forcierte, sondern den Charakter der liebevoll-tröstenden Zuwendung beibehielt.
Nach der mächtigen Schlussfuge «Herr, Du bist würdig» wäre eigentlich alles gesagt gewesen, aber Brahms kehrt in einem letzten Satz zurück zum Beginn des Requiems und lässt nochmals das «Selig sind die Toten» singen, dessen letzter, stiller Chorklang von den Bläsern unschön übertönt wurde.
Da brach der grosse Abend an
Mit einer Aufführung von Joseph Haydns «Die Jahreszeiten» machte der Kammerchor Wil zum eigenen 50- Jahr-Jubiläum nicht nur dem Publikum, sondern auch sich selbst ein schönes Geburtstagsgeschenk. Schon nach der Ouverture, dem ersten Rezitativ und dem wunderbar-beschwingten Chor des Landvolks («Komm, holder Lenz!») wusste man es: Dieser Abend wird ein Genuss. Und tatsächlich hielten der Kammerchor Wil und das Musikkollegium Winterthur, welche unter der musikalischen Leitung von Felicitas Gadient stehen, den freudig geweckten und somit hochgesteckten Erwartungen bis zum Schluss mühelos stand.Sie hinterliessen einen hervorragenden Eindruck, der durch die prächtig singenden Solisten Barbara Locher (Sopran), Matthias Aeberhard (Tenor) und Robin Adams (Bass) noch einmal gesteigert wurde.
Von A bis Z stimmig
Wie schon gesagt: Es gibt Abende, da stimmt einfach alles. Und so einer herrschte am Samstag in der restlos ausverkauften Wiler Kreuzkirche. Am doppelten Jubiläumskonzert einem des 200. Todesjahrs Haydns und zum andern der 50 Jahre Kammerchor Wil gedacht – es wurde zum–kam man als Zuhörer richtiggehend ins Schwelgen. Und zwar nicht nur an einzelnen, besonders packenden Stellen, sondern einfach während der ganzen Vorstellung einfach prächtig, wie wohlklingend das Ensemble den einzelnen Arien und Chören «Raum» zur musikalischen Entwicklung liess, sodass diese Aufführung nicht wie ein herkömmliches Oratorium wirkte, sondern eher wie eine ausführliche Abfolge opulenter «Bauerngemälde», in denen die Momente unnachahmlich farbig festgehalten wurden. Und wer geriete bei solch einer freudetrunkenen und lebensbejahenden «Malerei» nicht ins Schwärmen?
Gestalterisch brillant
Prunkstück der Aufführung war zweifelsohne der Kammerchor, der mit seiner frischen Art zu singen die volksnah gehaltenen Grundcharakteren der «Jahreszeiten» bestens traf. Zur gestalterischen Brillanz und gesanglichen Souveränität gesellte sich noch eine sehr klare und doch harmonisch sich in den beschwingten Rhythmus des Werkes einfügende Aussprache, welche im Grunde genommen den Blick ins Programmheft – von A bis Z. Es war– in dem das gesamte Libretto abgedruckt war – zuweilen fast wohltuend zurückhaltend kammermusikalisch, was die Sängerinnen und Sänger noch stärker in den Vordergrund rücken liess. Der englische Bariton Robin Adams überzeugte ganz und gar. Sein «Simon» erschien einem als zuversichtlicher, selbstbewusster Bauer, der überflüssig machte. Das Musikkollegium Winterthur spielte plastisch und doch transparent, ja–auch stimmlich, im doppelten Sinne als lebenslustigem, mit einer prächtigen Mittellage ausgestattetem «Lukas» war seine Spielfreude ebenso anzumerken wie der koketten «Hanne», welche die mit einem warmen, sicheren und wandlungsfähigen Sopran gesegnete Berner Sopranistin Barbara Locher zur vollen Zufriedenheit des Publikums sang.– jede Lebenslage zu meistern wusste. Matthias Aeberhard als lebenslustigem, mit einer prächtigen Mittellage ausgestattetem «Lukas» war seine Spielfreude ebenso anzumerken wie der koketten «Hanne», welche die mit einem warmen, sicheren und wandlungsfähigen Sopran gesegnete Berner Sopranistin Barbara Locher zur vollen Zufriedenheit des Publikums sang.
Chorgesang von Liebe und Zigeunerleben
Der Kammerchor Wil unter Leitung von Bernhard Bichler präsentierte am Sonntag ein sommerlich heiteres Serenaden-Konzert im Forum Pfalzkeller. Kurzfristig hatte Bernhard Bichler, der schon mehrmals mit dem Kammerchor Wil zusammengearbeitet hat, die Leitung von der erkrankten Dirigentin Felicitas Gadient übernommen. Der Kammerchor Wil zählt mit seiner langjährigen Tradition und Aufführungspraxis zu den herausragenden Chören der Region. Zu Recht, wie das Konzert im Pfalzkeller bewies, welches der Chor gutgelaunt und spritzig mit Gioacchino Rossinis «Il Carnevale» begann. Am Flügel unterstützt von Oxana Peter-Fedjura, konnten die etwa 50 Sängerinnen und Sänger in diesem musikalischen Kabinettstück sofort für sich einnehmen. Drei Bassetthörner hört man nicht alle Tage. Doch der Kammerchor konnte mit Anita Schönenberger, Michael Marending und Martin Litschgi bei Mozarts bezaubernden Notturni auf diese für die Instrumentalbegleitung erforderliche Originalbesetzung zurückgreifen. In den dreistimmigen, von Liebesfreud und Liebesleid handelnden Gesängen aus der sogenannten galanten Zeit begeisterte der Chor mit stimmlicher Einfühlsamkeit und sensiblem Gestaltungsvermögen. Oxana Peter-Fedjura hat sich vor allem als Korrepetitorin und Klavierbegleiterin einen Namen gemacht. In drei Klavierstücken «Aus dem Volksleben» von Edward Grieg war sie nun als exzellente Pianistin zu hören. Differenziert formte sie den Charakter der von norwegischer Folklore inspirierten Stücke aus, urtümliche Wildheit der Berge, tänzerische Ausgelassenheit eines Brautzuges oder elegante Virtuosität in einem Karnevals-Stück. Herzstück der Serenade waren zweifellos die «Zigeunerlieder» von Johannes Brahms in der Fassung für vierstimmigen Chor und Klavier. In diesen der Musik ungarischer Zigeuner nachempfundenen Liedern zeigte der Chor seine volle stimmliche Kapazität: textverständlich und dynamisch auf die Intentionen des Dirigenten eingehend, temperamentvoll und leidenschaftlich in Zwiegesprächen der Frauen- und Männerstimmen, mit fliessendem Legato des offenen Chorklangs und in romantisch verwobenen Passagen zur Klavierbegleitung von Oxana Peter-Fedjura. Als ein chorischer Geheimtip schliesslich erwies sich Gioacchino Rossinis charmanter musikalischer Spaziergang «La Passeggiata»: heiter, locker, opernhaft und die Leichtigkeit des Seins – oder des unbeschwerten Chorsingens – betonend.
Mit einer sehr bewegenden Einstudierung von Dvoraks «Stabat Mater» warteten am Samstagabend der Kammerchor Wil und das Orchester Musikkollegium Winterthur in der Wiler Kreuzkirche auf. Die musikalische Leitung hatte Felicitas Gadient inne. Das private Leiden des Tonschöpfers findet sich unweigerlich auch in diesem facettenreichen, zehnstrophigen Werk. Und die Wiler Interpretation erfasste diese Dimension der persönlichen Tragik. Bestechende Vorarbeit Das Orchester, von Felicitas Gadient sehr harmonisch geführt, verstand es, die verschiedenen Stimmungsgehalte des liturgischen Textes hervorragend musikalisch umzusetzen. Und zwar von Anfang an. Schon das instrumentale «Erstarren» der Maria zu Beginn wurde vom Orchester ungeheuer spannend aufgebaut und durch Tonwiederholungen in eine absteigende Klagelinie umgewandelt. Die Zuhörerschaft wurde durch die subtile orchestrale «Vorarbeit» bestens auf die verbale Konkretisierung durch die Gesangsstimmen vorbereitet, so dass dem Instrumentalpart durchaus leitmotivische Züge anhafteten. Hervorragende Umsetzung Wie Chor und Solisten die «Vorlage» nachher umsetzten, verdiente höchstes Lob. Beim Erklingen des «Eja, mater, fons amoris» beispielsweise herrschte wirklich eine mitleiderregende Stimmung, so, als habe sich die ganze Welt zur kollektiven Klage mit Maria versammelt. Und genau diese Stimmung soll auch erzeugt werden! Wunderschön auch, wie das leidvolle Moll der ersten Sätze schliesslich gemildert wurde, der sehr geschlossen agierende Kammerchor sogar zu einem berückenden, pastoralem Klangbild («Tui nati vulnerati») fand. Auch bei der Verpflichtung der ausgezeichnet singenden Solistinnen und Solisten Barbara Locher (Sopran), Liliane Zürcher (Alt), Michael Nowak (Tenor) und Ruben Amoretti (Bass) bewiesen die Organisatoren durchwegs ein gutes Händchen, was sich insbesondere beim finalen «Quando corpus morietur» zeigte, in welchem alle Beteiligten nun die Anfangsthematik wieder aufgreifen, nun aber dem christlichen Erlösungsgedanke gesanglich die Bahn brechen. Ob das Flehen um des Himmels Segen («Paradisi gloria») erfolgreich war, können wir Sterblichen zwar nicht wissen, aber der lang anhaltende und verdiente Applaus eines begeisterten Publikums war sämtlichen Aufführenden am Samstagabend so gewiss wie das Amen in der Kirche.
Ein Requiem aus reinem Vergnügen Kammerchor Wil mit neuer Dirigentin aufgetreten
Am Samstagabend trat der Wiler Kammerchor in der Kreuzkirche auf. Die Werke zweier französischer Komponisten entfalteten zwar keine spektakulären Wirkungen, wurden jedoch sauber und klangschön interpretiert. Maurice Duruflé (1902-1986) war ein grosser Meister der Orgel und hatte sich in seinem kompositorischen Schaffen sehr der Gregorianik verschrieben. So finden sich auch in den «Quatre Motets sur des Thèmes grégoriens» zahlreiche Anklänge, nicht zuletzt im jeweils vorausgehenden Vortragen des Originalthemas durch einen Solisten. Diese Aufgabe kam dem Bariton Bernhard Bichler zu, der mit grosser Stimme diese Vorlagen in den Raum setzte. Anmutigkeit Doppelchörigkeit imitierend setzte sich die erste Motette «Ubi caritas» etwas suchend in den Raum, bis der Chor seine Intonationsharmonie gefunden hatte. Häufige Taktwechsel machten das für Frauenstimmen gesetzte «Tota pulchra es» zu einer schwebenden Lichtimpression, darin unterstützt von einer arpeggierenden Harfe und einer Solovioline (Katalin Hercegh). Hymnenartig setzte sich das «Tu es Petrus» kurz und mächtig in den Raum, das abschliessende «Tantum ergo» strahlte andächtige Feierlichkeit aus. Die vier Motetten gehören zur anspruchsvolleren Chorliteratur, umso mutiger die Entscheidung, mit diesen Stücken das erste Konzert der Dirigentin zu gestalten, zumal sich im A-capella-Gesang gerne die Schwachstellen eines Chores offenbaren, zum Beispiel ein etwas flatternder Sopran. Das folgende kurze «Notre Père» Duruflés wurde nahtlos an die Motetten angefügt und mit einer sehr schönen Klangfarbigkeit musiziert. Keine düstere Stimmung Der zweite Teil des Konzertes war dem Requiem von Gabriel Fauré (1845-1924) gewidmet. Völlig auf die Theatralik verzichtend, die beispielsweise Verdis Requiem so wirkungsvoll macht, strahlt Faurés Komposition eine eher reservierte Ruhe aus, die in der Interpretation schnell ins Flache abrutschen kann. Fauré zeichnet darin keine düstere Begräbnisstimmung sondern vielmehr eine verklärte Todesvision. Er komponierte ohne grosse Dynamikausbrüche und arbeitete mit fliessenden Melodiestrukturen. Im Requiem zeigte sich die grosse Gabe des Kammerchores. Aus dem Orchester heraus entwickelte er seine Klangfarben, nahm filigran das leicht Spröde des Werkes auf und scheute sich nicht, das etwas Süssliche des Werkes auszumusizieren. Bernhard Bichler passte seine Stimme geschmeidig dem Charakter des Requiems an, die eingesprungene Sopranistin Barbara Böhi sang ebenfalls klangschön, jedoch sehr nach innen klingend, was eher an der Technik als an einer introvertierten Interpretation lag. Souveränes Können bewiesen Man mag sich fragen, warum für ein Konzert am 1. Juli ein Requiem gewählt worden war, doch selbst Fauré hatte von seiner Komposition gesagt, sie sei «nur zu meinem Vergnügen» entstanden.
Der Einstand Felicitas Gadients geschah nicht mit Pauken und Trompeten. Aber gerade in der Wahl und der Interpretation zweier in der Wirkung zurückhaltender Werke bewies die junge Dirigentin ihr souveränes Können.