Der Kammerchor Wil führte am 27. September 1959 sein erstes Konzert auf. Der Gründer Max Wirz schrieb anlässlich des 30 jährigen Jubiläums: "längere Zeit trug ich mich mit dem Gedanken, einen gemischten Chor zu gründen, um in Wil auch die grossen Oratorien aufführen zu können. Innerhalb von 13 Tagen hatte sich ein Chor von etwa 60 Sängerinnen und Sängern zusammengefunden, aus verschiedenen Chören von Wil und Winterthur." Das erste Konzert (Händel, Messias) fand in der kath. Kirche Bütschwil statt, gefolgt von einem zweiten in der kath. Kirche Romanshorn am 25. Oktober. Mit grossem Enthusiasmus und noch ohne finanzielle Unterstützung leitete er den Chor über 20 Jahre lang. Durch seinen Einsatz auf die Leistungen des Chores aufmerksam geworden, fand sich auch immer mehr (finanzielle) Unterstützung durch die Stadt Wil und weitere Gönner. Das war auch dringend notwendig, denn damals wie heute sind von einem Orchester begleitete Konzerte eine kostspielige Angelegenheit. Nach 24 Jahren unermüdlichem Wirken war es ihm leider nicht vergönnt sein letztes Konzert selbst zu leiten.
1983 wählte der Kammerchor Wil den damaligen Domkapellmeister und Leiter der Diözesanen Kirchemusikschule von St.Gallen, Roland Bruggmann.
Das Ehrenmitglied Hans Wechsler hat anlässlich des Abschlusskonzertes
2005 treffend die Philosophie des Chores zusammengefasst. "Die
Sänger und Sängerinnen suchen in ihrer Mitgliedschaft im Kammerchor
nicht gesellschaftliche Events. Ihre Zugehörigkeit zu diesem Chor
erfüllt sich in der Freude am gepflegten, gemeinsamen Singen, im
Vertrautwerden mit einem grossen Werk der Musikliteratur, im
sorgfältigen monatelangen Einstudieren einer in der Regel einzigen
Konzertaufführung." Die Hörerinnen und Hörer sollen Musik als
"Sprache" und die Komposition wie sie vom Komponisten gemeint ist hören
und verstehen können. Roland Bruggmann forderte vom Chor die
detaillierte Herausarbeitung der Themen und ihrer Motive in
Artikulation, Phrasierung und Ausdruck. Immer im Zentrum stand ihm die
Verantwortung gegenüber der Zuhörerschaft, die selbst komplexe Musik
unangestrengt geniessen solle. Diesem Ziel ordnete er alles unter und
entwickelte so das musikalische Verständnis des Chores. "Was man selbst
nicht verstanden hat, kann man nicht verständlich darstellen".
Traditionen entstehen oft nicht geplant, sondern durch ungewollte
Einflüsse und so musste sich auch Roland Bruggmann an seinem
Abschiedskonzert gesundheitshalber von seinem Schüler Bernhard Bichler
vertreten lassen. Eine weitere Schülerin wurde schliesslich vom
Vorstand als Nachfolgerin berufen.
Felicitas Gadient leitet seit Herbst 2005 den Kammerchor. Sie ist in Gossau aufgewachs-en und genoss ihren ersten Dirigenten-unterricht bei Roland Bruggmann. Sie stu-dierte Gesang und Chorleitung an der Musikschule Luzern und schloss 2003 an der Musikhochschule Zürich ihr fortführendes Studium in Orchesterdirigieren erfolgreich ab. Wichtige Stationen ihrer Laufbahn sind die zum ersten Mal durchgeführte "Orpheum Conductors Master Class" in Zürich (Howard Griffiths, Colin Metters und David Zinman), Direktion des Schlusskon-zertes des Zürcher Kammerorchesters. Seit 2001 Dirigentin der Orchestergesellschaft Baden sowie des Antonius-Chores in Luzern und seit 2005 Leitung des Orchesters Variaton in Bern.
Im Dezember 2007 wurde ihre hoffnungsvolle musikalische Tätigkeit durch eine autoimmune Erkrankung jäh unterbrochen. Interimsweise dirigierte Bernhard Bichler, Chorleiter und Bariton den Kammerchor. 2009 hat sich Felicitas Gadient langsam, aber stetig wieder ins berufliche Leben zurück gearbeitet. Zuletzt freuten sich die Chormitglieder ausserordentlich, dass ihre beliebte Chorleiterin das Jubiläumsgeschenk des Kammer-chors, «Die Jahreszeiten» von Joseph Haydn, trotz Behinderung mit ihrem Chor einstudieren konnte und persönlich erfolgreich dirigierte.
Der Chor probt im Singsaal der Kantonsschule Wil jeweils Dienstagabend. Wie immer mit den gewohnten Qualitätsvorstelllungen wird die Tradition der jährlichen Konzerte fortgesetzt - ergänzt durch weitere Auftritte in kleinerem Rahmen. >Konzerte/Ausblick